Das Nast Phänomen

Seit Monaten schon tourt Michael Nast mit seinem Bestseller “Generation Beziehungsunfähig” durch ganz Deutschland.

Ich durfte ihn in Berlin erleben und sprechen. Seine Thesen habe ich eingehend unter die Lupe genommen.

Eine Hommage an die Liebe.

Ihr seid nicht allein

Das Nast Phänomen

Michael Nast's Lesung in Berlin. Ganz oben links sitze ich
Michael Nast’s Lesung in Berlin: Ganz oben links sitze ich

 

Ganz Deutschland schaut auf Michael Nast. Hunderte strömen zu seinen Lesungen, sein Buch „Generation Beziehungsunfähig“ war vergriffen, bevor es erst richtig auf dem Markt war und seine Fangemeinde wächst stätig. Nast gilt als „Sprachrohr seiner Generation“ und trifft mit seinen Texten den Nerv der Zeit. Die Frage ist – Warum?

Voll ist es. Riesige Scheinwerfer bestrahlen die Köpfe der wartenden Zuschauer im Konzertsaal der Universität der Künste in Berlin. Die Frauenquote überwiegt, eine Gruppe Studentinnen hat sich Plätze in der ersten Reihe ergattert, die wenigen anwesenden Männer besorgen noch eine Runde Bier, ganz oben auf der Empore sitzen einige Damen älteren Semesters. Man reckt den Hals, schaut vorfreudig in Richtung Bühne und stupst die Sitznachbarin vor lauter Aufregung in die Seite. Der Saal ist ausverkauft, klar, denn Michael Nast bittet heute zur Lesung. Er ist Starblogger, Bestseller-Autor, Frauenversteher und der neue Messias der twenty-somethings, die den größten Teil des Publikums an diesem Abend stellen. „Generation Beziehungsunfähig“ hat er sie getauft und erklärt ihnen in seinen Kolumnen, auf der Bühne und neuerdings auch in Buchform, wie das so geht mit der Liebe. Seine Rezepte: alle schon mal gehört. Sein Erfolg: gigantisch. Irgendeinen Nerv dieser Generation zwischen jetzt-noch-nicht und da-kommt-noch-was-Besseres hat der Mann offensichtlich getroffen.

Jetzt betritt er den Bretterboden, in typischer ‚Nast-Uniform’. Schwarzer Pullover unter schwarzem Jackett, schwarze Hose und Adidas Sneakers. Tosender Applaus. Schüchtern fährt sich Nast durch seine rot-blonden Haare. Jünger sieht er aus, als seine 41, aber wenn er redet, klingt er älter. Er sagt Dinge wie „gemeinsam gegen den Rest der Welt“, wenn er von Liebe spricht. Beinahe poetisch. Einmal greift er zu seiner Linken, holt eine Bierflasche hervor, stockt und schaut verwundert ins Publikum. „Hat jemand zufällig einen Flaschenöffner dabei?“ Dröhnendes Gelächter. wer würde mit dem Mann nicht gern mal ein Bier trinken? Mit seinem Bestseller im Koffer tourt Nast momentan durch Deutschland.  Jeden Abend eine andere Stadt. Viele sind schon jetzt ausverkauft. Nast ist der, der einer verunsicherten Generation zwischen Gelegenheitssex über Tinder, dem Wunsch nach ewiger Liebe und der unerträglichen Vielzahl der Wahlmöglichkeiten, das Leben erklärt. So wie Florian Illies damals der „Generation Golf“, den heute 45-Jährigen, ihre bademantelkuschelige Kindheit mit Nutella-Broten und „Wetten, dass…?“ am Samstagabend zurückbrachte. „Dieser Erfolg kam auch für mich total überraschend“, sagt Nast.

Aufgewachsen ist er in Köpenick, ein Autodidakt mit abgebrochener Buchhandelslehre, zwei Plattenlabel-Gründungen und einigen Jahren in diversen Werbeagenturen. „Ich habe nur Talent für die Dinge, die mich interessieren“, dieses Zitat von Karl Lagerfeld bezeichnet Nast als die Überschrift für sein Leben. „Ich entscheide alles aus dem Bauch heraus. Für mich war mein Beruf auch immer ein Mittel, mich selbst zu verwirklichen. Ein wichtiger Teil meines Selbstverständnisses.“ Die Sinnfrage kam mit 30. „Ich hab mich gefragt: Ist es das, dieses Werbeagentur-Dasein“? Also begann er Kolumnen über das Leben auf dem Internetportal MySpace zu veröffentlichen. Sogenannte Großstadtkolumnen. Es sind Beobachtungen und Begegnungen, Erzählungen persönlicher Geständnisse von Freunden oder Mutmaßungen aus dem Nachtleben. Kleine, alltägliche Geschichten aus seinem Berliner Umfeld, nicht intellektuell, nicht allzu philosophisch, aber sehr amüsant und immer garniert mit einer Lehre in Liebesdingen für den Leser. Dieser Blog, den er 2009 startete, machte ihn berühmt. Wie in einem dieser Filme, bei denen der Schreibtisch des über das Leben sinnierenden Protagonisten nur ein Mausklick entfernt ist von den großen Bühnen der Welt. Der Durchbruch kam 2014 mit den Texten von „Generation Beziehungsunfähig“, die vor einigen Monaten als Buch erschienen sind. Er scheint seinen Fans die Antworten zu geben, auf die sie schon lange gewartet haben.

Michael Nast ist ein Typ, der auffällt, auch wenn er nur in einem Café in Prenzlauer Berg sitzt und in seiner Kaffeetasse rührt. Er kann charmant schüchtern sein, aber auch ein Berliner Großmaul, jungenhaft und tatsächlich sympathisch überrascht von seinem eignen Erfolg. „Ich sehe mich nicht als Beziehungsexperten“, sagt er. „Ich schreibe ja eigentlich über mich und mein Umfeld und was ich so sehe in Berlin.“ „Generation Beziehungsunfähig“ sollte eigentlich eine ironische Bezeichnung für diese Generation sein. „Das Krasse ist, dass ab dem Moment als der Text online ging, die Leute dem Begriff eine Relevanz gegeben haben. Plötzlich ist es wirklich eine Generation Beziehungsunfähig. Ein Label. Ein Etikett.“ So wie der Beziehungsexperte für ihn. Also Herr Nast, was würde diese Generation, die sie so sehr verehrt, denn beziehungsfähig machen? Nast denkt einen Moment nach. „Wir leben ja nach den Regeln einer Bedarfsweckungsgesellschaft. Ich auch. Das haben wir so sehr verinnerlicht, dass wir die Mechaniken unseres Wirtschaftssystems auf das Zwischenmenschliche anwenden. Und da müssen wir irgendwie rauskommen.“ Eine wirkliche Antwort auf das Dilemma hat er aber nicht. Will er auch gar nicht. „Es wäre ja vermessen, mich selbst zum Soziologen oder Psychologen zu machen. Was meine Texte bestätigt, ist die extrem hohe Identifikation bei den Leuten. Und das ist viel nachhaltiger als irgend so ein Ratgeber.“ Seine Texte sind für Leute, die sich für beziehungsunfähig halten. „Ich sag ja nicht, dass sie es sind. Ich beleuchte die Aspekte, die im Leben dazu beigetragen haben, dass man an einen solchen Punkt angekommen ist.“ Wenn er redet, gestikuliert er leidenschaftlich mit der linken Hand. Mit der anderen hält er sich an seinem Milchkaffee fest. Der ist mittlerweile kalt. Dieser Mann hat eine Mission und es gibt wenig, was die „Generation Beziehungsunfähig“ in ihrem Instagramm-What’sApp-Facebook-Universum mehr schätzt, als Authentizität. Ob er sich selbst auch für beziehungsunfähig hält? Bei der Frage muss er erst einmal einen Moment inne halten. Ein Typ für schnelle Antworten ist er nicht. „Nein“, sagt er dann. „Ich sehe Beziehungen aber auch anders. Wenn ich jemanden liebe, dann denke ich mir nicht abgeklärt, dass es irgendwann auch wieder vorbei sein kann. Frei nach dem schönen Satz ‚ich liebe den Anfang, dann scheint das Ende so unmöglich’. Bei mir muss es wirklich stimmen.“ Aha. Ein sympathischer Phrasendrescher, der genau die Binsen wiedergibt, die eine verunsicherte Generation hören will.

Dass wir Kompromissbeziehungen führen. Beziehungen mit Liebe verwechseln. Nach einem Idealbild der romantischen Liebe suchen. „Auch das Konzept Ehe funktioniert nicht mehr wie früher, weil wir heute als Paar nicht mehr aufeinander angewiesen sind“, sagt er. „Eine Beziehung ist ja auch immer mit sehr viel Leid verbunden. Man lernt sich kennen, man öffnet sich, man ist verletzbar. Die Leute wollen aber nicht mehr verletzbar sein.“ Und außerdem warten auf Tinder ja noch ungefähr hunderttausend weitere potentielle Partner. Problem erkannt, Diagnose gestellt: beziehungsunfähig. Aber sucht nicht auch Herr Nast unter den Hunderttausend Möglichkeiten die eine, ganz große, ewige Liebe? „Ja“, gibt er zu, „aber letztendlich muss man sich nur gegenseitig zum Lachen bringen. Darauf kommt es doch an. Man muss das Gefühl der Liebe auch zulassen können. Das meiste Leid, was unglückliche Liebe schürt, ist unser Besitzanspruchsdenken. Man denkt gar nicht an den anderen. Ich-bezogener und angepasster als heutzutage waren wir noch nie. Alles ist austauschbar. Wir trennen uns, bevor Liebe überhaupt entstehen kann.“ Plötzlich piept sein Handy. Seine Mutter hat geschrieben. Sie hat den neusten Artikel über ihn am Kiosk entdeckt. Nast lächelt und trinkt seinen kalten Kaffee aus. Er persönlich habe aber gerade eigentlich keine Zeit für die Liebe. Die Tournee und so. Später aber fände er es schön, eine Familie zu gründen. Zurück im Konzertsaal ist die Lesung beendet. Michael Nast bedankt sich, verneigt sich vor seinem Publikum. Die Türen öffnen, die Besucher strömen in die Berliner Dunkelheit und die Texte Nasts schallen noch lange durch die Nacht. „Er hat so einen tollen Humor und einen solchen Intellekt“, schwärmt eine Zuschauerin und hackt sich bei ihrer Freundin ein, „man muss sich einfach in ihn verlieben“. Kann man, denn Michael Nast ist übrigens Single. Auch wenn er Momentan wenig Muße für die Liebe hat.

 

 

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